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20.11.2013

Die beiden Bände der Ortschronik stießen auf großes Interesse.
Die beiden Bände der Ortschronik stießen auf großes Interesse.
Waldsachsener Ortschronik auf 1000 Seiten
Was Sie schon immer über Waldsachsen wissen wollten
 
In Waldsachsen wartete die Bevölkerung nach der Einladung zur Präsentation der Ortsgeschichte gespannt, was da auf sie zukommen würde. Eines aber war gewiss: Dass man bald zwei Bände über den eigenen Geburts- oder Wohnort in Händen halten würde, war etwas vollkommen Neues und dürfte für lange Zeit ein einmaliges Ereignis bleiben.
 
Die Herausgabe begann am Samstag, den 16.11.2013 um 18.30 Uhr mit einem Festakt in der Laurentius-Kirche. Nach der „Fränkischen Tour“ der „Musikfreunde Waldsachsen“, die gemeinsam mit Organist Karl-Heinz Faltenbacher die Feier musikalisch begleiteten, begrüßte zunächst Hausherr Pfarrer Andreas Heck die Anwesenden. Danach hieß auch Bürgermeister Stefan Rottmann die Gäste im Namen der Gemeinde Schonungen willkommen. In seiner Ansprache hob er hervor, dass wir über viele Prominente, die im Fernsehen und in ihren Biographien ihre intimsten Geheimnisse ausplaudern, oder über unsere fernen Urlaubsorte oft mehr wissen, als über unsere eigene Heimat. Nun hätten die Bürger von Waldsachsen aber die Chance, dieses Missverhältnis zu beseitigen, denn nun könnten sie in der Biografie ihres Dorfes alles Wissenswerte nachlesen. Er würdigte die finanzielle Unterstützung durch das Amt für ländliche Entwicklung (ALE) und bedankte sich bei Autorin Daniela Harbeck-Barthel herzlich mit einem Blumenstrauß und einem Geschenkkorb für Ihre Arbeit.
 
Amtsrat Hilmar Volkamer vom ALE nahm in seinem Grußwort die Gelegenheit wahr, die Projekte der 1991/1992 eingeleiteten Dorferneuerung in Waldsachsen noch einmal Revue passieren zu lassen. Bis Oktober 2013 wurden ca. 164.000 € an Zuschüssen für öffentliche Vorhaben ausgereicht, zu denen zum Abschluss noch die Finanzierung Ortsgeschichte mit 60 % ihrer Entstehungskosten dazukommen wird. Bis Oktober 2013 wurden außerdem für private Maßnehmen ca. 38.500 € an Zuschüssen ausgegeben. Er zog eine positive Bilanz und bedankte sich bei der Teilnehmergemeinschaft und der Bevölkerung von Waldsachsen für ihr Engagement.
 
Im Anschluss daran nahm Autorin Daniela Harbeck-Barthel die Besucher des Festakts mit auf eine doppelte Zeitreise: Sie berichtete über die Etappen ihrer Arbeit an der Ortschronik, die sie in viele Archive und Bibliotheken geführt hat. Gleichzeitig zeigte Sie anhand eines Einblicks in die Kapitel der beiden Bücher auf, wie wichtig die einheimischen und die mit Waldsachsen verbundenen Zeitzeugen für eine lebendige Schilderung der Ortsgeschichte waren. Allen Beteiligten dankte sie herzlich für Ihre Mithilfe. Spezialkapitel zur Kindersterblichkeit oder zur energischen Gründerin der Pfarrei, zu einem rätselhaften Münzfund oder zum Fachwerk-Rathaus gehen auf besonders einschneidende oder bewegende Momente der Waldsachsener und Bayerhöfer Vergangenheit ein. Sie beschrieb die Bedeutung der Helfer vor Ort, der Korrektoren und die Kunst des Grafikers Christian Treutlein, dem es gelang, in der Ortsgeschichte gleichzeitig ein wissenschaftliches Werk, viele Fotos und einen Erzählband zu vereinen. Bis zum Schluss war die Entstehung der Wolzumer Chronik spannend, denn der letzte Band wurde erst am Vortag um 16 Uhr von der Druckerei Mack geliefert. Fast atemlos verfolgten die Besucher fast eine Dreiviertelstunde der Autorin durch 10 Jahre Arbeit an den beiden Büchern und durch 900 Jahre Ortsgeschichte. Sie ermunterte die Waldsachsener, ihr Dorf auch weiterhin zu ihrer Herzensangelegenheit zu machen und sich in der Gemeinde zu engagieren, was mit herzlichem Applaus und stehenden Ovationen aufgenommenen wurde.
 
Anschließend kam es bei Glühwein auf dem festlich illuminierten Kirchplatz und bei einer deftigen Brotzeit, Bier und Wein in der Alten Schule zu vielen bewegenden Begegnungen, als die Wolzumer und ihre vielen Gäste auf alte Bekannte trafen und endlich die Ortsgeschichte in den Händen halten konnten: Ein dunkel- und ein hellgrüner Band voll mit „Geschichte und Geschichten“. Da wurde geblättert und gelacht, da kam bei der Betrachtung der vielen Bilder Wehmut und Rührung auf und manch einer vertiefte sich gleich in die eine oder andere Textpassage. Ihr Publikum fanden aber auch die auf acht Stellwänden präsentierten Bilderausstellungen zur Dorferneuerung und zur 900-Jahrfeier im Jahr 2003.
 
Am Sonntag begann das Begleitprogramm rund um die Ortschronik um 10.30 Uhr mit einer Kirchenführung. Zahlreiche Wolzumer aber auch Besucher von auswärts, die die St.-Laurentius-Kirche mit ihrer einheitlichen Ausstattung aus der Zeit zwischen Barock und Rokoko kennenlernen wollten, waren erschienen. Sie hörten nicht nur sehr aufmerksam Daniela Harbeck-Barthel bei dem zu, was sie über das Aussehen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kirche berichtete, als die Gründung der Pfarrei Waldsachsen noch in weiter Ferne lag. Sie stellten immer wieder Fragen, die zeigten, wie groß das Interesse an historischen Zusammenhängen ist, vor allem, wenn man mit der schmuckvollen Kirche „Geschichte zum Sehen und Anfassen“ geboten bekommt. Die Teilnehmer „durchlebten“ die bewegte Zeit der Reformation und Gegenreformation. Sie nahmen teil am Bau der „neuen“ Kirche von 1732 und waren dabei, als der Hochaltar von Bildhauer Thomas Wagner aufgerichtet wurde. Dass die Ausstattung der Kirche immer wieder Moden unterworfen war, wie unsere privaten Wohnzimmer und Küchen auch, erstaunte die Besucher, die erst nach über einer Stunde das Gotteshaus wieder mit vielen neuen Eindrücken verließen.
 
Um diese Zeit waren auch die Ausstellungen in der Alten Schule bereits gut besucht. Vor allem die im ehemaligen Turnsaal präsentierte Schau „Von der Wiege bis zur Bahre“ lockte den ganzen Tag zahlreiche Gäste an, die sich lebhaft über die „alter Scheesn“, die Kleidchen und das historische Spielzeug austauschten, das im Kinderzimmer ausgestellt war. Auf den Schiefertafeln im Schulbereich übten die Besucher mit dem Griffel das Schreiben in früherer Zeit und bei den Fotos, die über einem alten Motorrad und einem Petticoat aufgehängt waren, rätselten sie, welche ihrer alten Freunde darauf abgebildet seien. Und oft hieß es seufzend „ja damals, als mer noch jung warn!“ Im Bereich „Hochzeit und Aussteuer“ wurde von den Besucherinnen mit Kennerblick die zarte Spitze an den Wäschestücken geprüft und Erstaunen darüber ausgedrückt, dass in Waldsachsen um 1900 eine Brautkrone bei Hochzeiten üblich war. Ein großes „Hallo“ gab es rund um den Alltags-Bereich mit historischen Haushaltsgegenständen, die mit „dörrer Hutzl“ und selbstgemachtem Nudelteig garniert waren. Im „Alltag Wald“ wurde gezeigt, wie geschickt einst Wellen und Reisig gebündelt wurden. Der Abschnitt „Sonntag in Waldsachsen“ präsentierte die Wohnkultur unserer Vorfahren mit nobler Kleidung samt wärmendem Fuchsschwanz für die kalte Jahreszeit und glänzendem Festtagsgeschirr. Als besonders eindrucksvoll wurde der letzte Bereich der Ausstellung, „Abschied in Wolzum – Die letzte Reise“, empfunden: Sterbebildchen, Versehgarnituren und Grabbeigaben wurden als Erinnerungsort präsentiert, der auch viele ehemalige Einwohner stark berührte.
 
Um 14.00 Uhr starteten fast 80 Personen zur nächsten Führung, die einmal quer durch das Dorf führte. Auch hier war das Durchhaltevermögen der Teilnehmer, darunter viele Neubürger, die ihren Wohnort kennenlernen wollten, bemerkenswert. Pfarrhaus, Kinderbewahranstalt, historische Steinhäuser im Oberdorf und Fachwerk-Rathaus hießen die ersten Stationen. Über die Gasse und dem Standort des ehemaligen Armenhauses ging es ins Unterdorf zum früheren „Gasthaus zur Sonne“. Die Dorfführung endete am ehemaligen Freihof des Domkapitels, der als Ausgangspunkt für die Gründung von Waldsachsen im 11. Jahrhundert gilt, und den historischen Höfen an der ehemaligen Weth.
 
Danach stürmten die Besucher die Alte Schule, um sich bei Kaffee und Kuchen aufzuwärmen und die Ortschronik zu erwerben. Viele wollten bei der späteren Lektüre das soeben gehörte noch vertiefen. Der Sonntag schloss mit den Vorführungen der Filme vom Kreiserntedankfest, das 1973 in Waldsachsen stattfand, und dem Ortsjubiläum 2013.
 
Als das Organisationsteam um Christa und Hilmar Müller am Montag die Ausstellungsgegenstände wieder abbaute und in die Wolzumer Haushalte zurückbrachte, trafen sie überall auf Lob und nicht selten lag die Ortschronik auf dem Küchentisch. Manchmal hieß es: „Ich hab`die halbe Nacht nix g`schlaffn, weil ich im Buch gelesen hab`.“ Bürgermeister Stefan Rottmann könnte mit seiner Prognose vom Festakt Recht behalten: „Der Fernseher bleibt die nächsten Wochen in Waldsachsen aus“, denn mit den beiden Bänden der Ortsgeschichte haben die Wolzumer jetzt eine viel interessantere Beschäftigung – und der lange Winter kann kommen.


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